Notizen und Eindrücke von Emilia Moore

  • Eintrag 1


    Leicht gähnend sitzt Emily auf einen der erhöhten Jägerstände und beobachtet das riesige Feld darunter. Nur der Mond und das kleine Knicklicht neben ihr spenden etwas Licht, gerade genug, damit sie ihr Notizbuch hervorholen und etwas niederschreiben kann.


    Mit der Vergangenheit abzuschliessen ist eine Fähigkeit, die ich wohl noch erlernen muss. Zwar war ich bisher der Meinung, dass mich nichts von damals mehr aus der Fassung bringen könnte, doch wurde ich schmerzlichst eines Besseren belehrt. Ich schätze, dass wir beide nicht mit dieser Reaktion von mir gerechnet hatten. Obwohl, wer weiss. Ich kann nur schwer einschätzen, was genau er von mir denkt. Seine Worte sind manchmal so unverständlich und verwirrend, als würde er eine andere Sprache sprechen und in der nächste Sekunde dann wieder so verständlich, als würden wir dieselben Gedanken teilen.


    Einige seiner Worte lassen mich nicht los… vermutlich, weil ich sie noch nicht gänzlich verstehe. Oder verstehe ich sie und bin es mir bloss nicht bewusst? Vieles, worauf er mich aufmerksam macht, gehört für mich bereits dazu. Sei es sich versteckt zu halten und mit der Umgebung zu verschmelzen oder nicht offensichtlich auf Strassen zu wandern. Das alles waren Dinge, die ich bereits zuvor so gehandhabt hatte.


    Aber brachte mich das wirklich an mein Ziel? Würde ich damit das erreichen können, was ich wollte oder driftete ich bereits auf einen Weg ab, von dem es kein Zurück mehr geben würde? Ich brauche mehr Zeit… Zeit über alles nachzudenken und mir über gewisse Dinge im Klaren zu werden.


    Diese Welt hatte sich verändert… in gewisser Weise zumindest. Was die Boshaftigkeit der Menschen anbelangte, so stellte ich keinen grossen Unterschied fest.. nur die Handhabung hatte sich verändert. Während früher Verbrechen verfolgt und geandet wurden, ist es heute sozusagen scheiss egal. Niemand interessierte sich heute noch für Gesetze. Ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich tat was ich für richtig hielt… so wie vermutlich alle hier, um das eigene Überleben zu sichern. Wobei… soweit ich gesehen und beobachtet habe, scheinen manche den Ernst der Lage noch nicht wirklich begriffen zu haben. Sie vertrauen blind… lassen ihre Lager unbeaufsichtig und drehen einem unbedacht den Rücken zu. Nun… bei mir brauchten sie sich grundlegend keine Sorgen zu machen, ich hatte nichts Böses vor… doch es gab andere, die solche Gelegenheiten nutzen würden, wenn sie sich boten.


    Die Leute darauf aufmerksam zu machen würde wohl nicht viel bringen… schon oft hatte ich früher versucht die Menschen um mich herum zu sensibilieren und ihnen klar zu machen, dass sie vorsichtiger sein sollten. Im Endeffekt, hatte es nicht viel gebracht… aber womöglich hatte ich nun ja eine Chance das alles etwas zu ändern.


    Sie stoppt in ihrer Bewegung und seufzt, während sie sich noch einmal alles durch den Kopf gehen lässt. Kurz fährt sie mit einer Hand über eines ihrer Handgelenke und zieht den Stoff ihrer Jacke etwas zurück.


    Ja diese Welt hatte sich verändert… und ich hatte mich auch verändert. Ich weiss noch vor einigen Jahren, als ich mir schwor nie einem lebenden Wesen etwas anzutun. Ich würde Leben versuchen zu retten und sie nicht nehmen… und doch kümmerte ich mich tagtäglich darum die Strassen von Infizierten zu befreien, zumindest so, dass ich mich ohne Gefahr bewegen konnte. Doch ich denke diese Einstellung ist in einer Welt wie heute, nur noch schwer möglich. Jeder musste sich anpassen… auf die eine oder andere Art, oder man blieb auf der Strecke.


    Doch was sollte ich nun tun? Vieles von den neuen Erkenntnissen sprach mir aus der Seele… wiederum andere jedoch sah ich anders… ob das zu Problemen führen würde, oder lag der Sinn des ganzen darin, nicht gleich alles für bare Münze zu nehmen? Ich wollte nicht zu viele Fragen stellen… nicht zu viele meiner Sorgen offenbaren, wenn ich noch nicht einmal wusste, ob es wirklich Sorgen sind, oder ich zuzeit einfach viel zu viele Dinge versuchte zu verarbeiten.


    Nun, wir werden sehen… ich sollte wohl mal wieder versuchen etwas Schlaf abzubekommen… ist wohl schon wieder einige Stunden überfällig…


    Emily klappt das Notizbuch zusammen und verstaut es wieder an seinem rechtmässigen Platz.