How To Charaktervorstellung

  • Gut überlegte und "geschriebene" Charaktere sind das A und O im Rollenspiel, ob nun in Dungeons and Dragons, DayZ Roleplay oder einschlägigen Datingseiten.

    Das Ziel ist immer dasselbe - eine spannende Geschichte mit interessanten Figuren zu erleben, denen man im Alltag vermutlich nicht begegnen würde. Dabei ist es nicht erforderlich, dass die Figuren unglaublich ausgefallen sind. Natürlich ist das Mitglied eines geheimen Spionagebundes vermutlich interessanter als ein lediger Schuster mittleren Alters.

    Viel wichtiger sind jedoch die Ereignisse, die den Charakter formen - die ihm Grund zum weitermachen geben und die sein Handeln beeinflussen. Nehmen wir als Beispiel die Romanfigur Jack Ryan. Bei Mr. Ryan handelt es sich um einen Analytiker beim NSA. Natürlich ist das spannend, aber noch nicht ausreichend, um Leute dauerhauft zu interessieren. Erst die Tatsache, dass er in einer Task Force ist, die internationale Terroristen stellen will und die stetigen Verwicklungen, das Misstrauen gegenüber seinen Kollegen und die Angst, die nächsten Anschläge nicht rechtzeitig verhindern zu können, machen ihn zu einem interessanten Charakter, der mehr Tiefe entwickelt als ein Pappaufsteller.

    Wenn ihr also einen Charakter schreibt - überlegt euch Folgendes:


    - Welche Ereignisse haben meinen Charakter zu dem gemacht, der er ist?

    - Mit was hat mein Charakter aktuell zu kämpfen?

    - Welche langfristigen Entwicklungen könnte er durchmachen, je nach dem, welche Erfahrungen er sammelt und wie seine Geschichte weiter geht?


    Zwar sind alle drei Dinge wichtig für die Planung eines Charakters, in die Charaktervorstellung gehören jedoch nur die ersten beiden Punkte. Es kann jedoch nie Schaden, den letzten im Hinterkopf zu behalten - nichts ist frustrierender, als ein spannender Charakter, der Aufgrund einer schlecht überlegten Entwicklung in einer Sackgasse steckt und sich nicht mehr verändern kann. Stellt euch vor, Rick Grimes würde in Staffel 6 von "The Walking Dead" immer noch der Selbe Mann sein, der er in Staffel 1 war. Überlegt euch, Harry Potter wäre in seinem finalen Kampf gegen Voldemort immer noch der kleine Junge, der an Fluffy vorbeigeschlichen ist. Charaktere müssen ständig in Entwicklung sein und sind nie "fertig".


    Nun gibt es natürlich noch andere Dinge zu bedenken - Jeder interessante Mensch, ob real oder fiktiv, hat Macken und Eigenschaften, die ihn hervorheben. Nicht jede davon ist auf eine schwerwiegende Kindheitserfahrung zurückzuführen, aber sie helfen, den Charakter erkennbarer und weniger beliebig zu machen. Überlegt euch, wie Alt euer Charakter ist - wann er geboren wurde, welcher Generation er angehört und wie er vermutlich erzogen wurde. Wie ist sein Leben verlaufen? Welcher Kultur gehört er an, welche Sprache(n) spricht er? Wie ist seine sexuelle Ausrichtung? Alles das und noch viel mehr sind Fragen, deren Antworten entscheiden, wie du den Char spielen solltest.

    Hierbei entsteht natürlich auch ein ganz praktisches Problem. Der Charakter ist nur so gut, wie sein Schauspieler. Wenn du einen Charakter fürs Rollenspiel planst, bist du nicht nur Autor, sondern auch Darsteller. Überlege, ob du in der Lage bist, den Charakter zu verkörpern. Welche Schwierigkeiten könnten auftauchen? Kannst du das Wissen und die Fähigkeiten deines Charakters glaubhaft vermitteln? Oder hast du in Wirklichkeit gar keine Ahnung von Kernphysik? Was davon kannst du dir anlesen, für was könntest du dir Hilfe aus dem Team oder von erfahrenen Mitspielern suchen? Bedenke hierbei - es ist nicht erforderlich, dass du alles perfekt beherrscht. Aber du solltest an dem Charakter wachsen können - und nicht scheitern. Also such dir Herausforderungen, aber sei realistisch, wenn du dir deine Ziele setzt.


    Nachdem du jetzt viele Ideen und Ratschäge zu Charakteren gehört hast, kommen wir nun zur Vorstellung deines Charakters. Charaktervorstellungen sind Texte, und auch, wenn es profan klingt - sie sollen gelesen werden können. Eine gewisse Sorgfalt im Bereich Grammatik/Rechtschreibung ist somit zu erwarten - bedenke, die Supporter müssen teils mehrere Vorstellungen pro Tag lesen. Mute ihnen also nicht mehr Arbeit zu, als nötig ist und verfasse deine Vorstellung entsprechend.

    Die meisten Charaktere brauchen eine gewisse Menge Text, um sie vernünftig kennenzulernen. Dein Charakter braucht nur 100 Zeichen? Dann ist er vermutlich flach genug, um unter der Tür durchgeschoben zu werden. Aber es gilt - schreib so viel, wie du nötig findest und über deinen Charakter mitteilen willst. Am Ende ist der Gehalt wichtiger als die Länge. Als Richtlinie solltest du dir überlegen, dass eine Charaktervorstellung irgendwo zwischen 300 und 1000 Wörtern haben kann - je nach dem, wie viel du zu erzählen hast, bevor die Geschichte so richtig losgeht.

    Was den Stil angeht, bist du frei wie ein Vogel. Magst du es wie eine Kurzgeschichte schreiben, mit offenem Ende und offenem Anfang? Oder wie die Einleitung eines Romans? Oder willst du dich von der Art und Weise inspirieren lassen, wie Figuren in Film und Theater vorgestellt werden?

    Lass deiner Kreativität freien Lauf. Tagebucheinträge, Aufnahmen von Diktiergeräten, isolierte Ereignisse aus dem Leben deines Charakters - all das kann als Vorstellung dienen und deinen Charakter anderen näher bringen. Das eure Kreativität unbeschränkt ist, bedeutet natürlich auch, dass beliebig viel Arbeit in einer Vorstellung stecken kann. Also versucht, sie nicht als lästige Pflicht sondern als Teil des Spielprinzips zu sehen. Charaktere zu entwickeln kann genau so spannend sein, wie sie anschließend zu spielen!


    Anbei findest du einige Beispielvorstellungen, von denen du dich natürlich inspirieren lassen kannst.



    Martin Schlöpke



    Andrej Titow